Spirale

Mit dem Farn haben wir uns schon an die Spirale herangetastet. Ich möchte sie jetzt gerne umfassend besprechen. Was kann eine Spirale alles sein?

Die Spirale ist ein Ursymbol. Aus der Beobachtung der Natur heraus hat sie als geometrische Form und zur Berechnung von Phänomenen Eingang in die Naturwissenschaft gefunden. Die Spirale kann sich von außen nach innen bewegen, oder von innen nach außen. Wir beginnen mit einer Spirale, die von innen nach außen geht, dann kann sich die Linie im gleichen Abstand nach außen bewegen, bis das Blatt endet. Theoretisch ist es eine unendliche Möglichkeit.

Wenn man von außen nach innen geht, macht man sich zunächst einen Kreis. Da spricht man von einer begrenzten Spirale. Es gibt auch noch andere Möglichkeiten: Die Spirale kann von einem Punkt ausgehen und sich immer graduell vom Mittelpunkt entfernen, sodass die Distanz vom Mittelpunkt immer größer wird. Es gibt auch Spiralen, die sich aus einem anderen geometrischen Körper als Grundlage entwickeln. Zum Beispiel kann man eine Kugel umschreiben, indem man einen Kreis zieht und spiralförmig von außen herum eine Linie zieht, einmal stärker, einmal zarter. Das Gleiche kann man mit einem konischen Körper tun. Auch um ein Dreieck herum kann man eine Spirale entwickeln. Oder man könnte ein Quadrat aufzeichnen und innerhalb des Quadrates schauen, wie sich die Spirale entwickelt. Also, es gibt viele Möglichkeiten.

Friedensreich Hundertwasser hat sich intensiv um die Darstellung der Spirale bemüht. In Neuseeland gibt es viele Farne, und da er dieses Land liebte und es oft bereiste, ist er von der Beobachtung der Farne zur Spirale gekommen. Bei ihm gibt es das Zusammenspiel von mehreren Spiralen, die ins Ornament hineinfließen.

Jetzt wollen wir mit der Spirale spielen. Probiert einfach aus. Wie leicht fließt sie, wenn sie nur wenige Umdrehungen macht? Aus der Hand, rechtsdrehend, linksdrehend, von innen nach außen, von außen nach innen. Nehmt euch die anderen geometrischen Grundformen, um mit der Spirale zu experimentieren. Ihr habt ein paar Vorschläge von mir bekommen. Entwickelt eigene Ideen. Die Spirale ist ein In-Sich-Gehen, ein Nachdenken über das In-Sich-Hineingehen, in das Innere. Sie ist wie ein Gedanke, der sich von innen nach außen entwickelt, bis zum Aussprechen. Oder ein Gefühl, das tief im Inneren sitzt und sich langsam eine Bahn ins Äußere, in den Ausdruck schafft.
Die Beschäftigung mit Formen in der Zeichnung, egal mit welchen, setzt eine tiefere Beschäftigung mit dem Ding an sich voraus. Man kann es in der Natur beobachten. Man kann sich dabei eigene Erfahrungen vergegenwärtigen. Je mehr Erfahrungen das Leben geboten hat, desto mehr ist das in der Zeichnung sichtbar. Jede Lebenserfahrung bildet sich subtil in der Zeichnung ab. Deswegen sind Zeichnungen im reifen Alter intensiver, schöner, da sich mehr Erfahrung, Aufmerksamkeit und Bewusstheit entwickeln konnte.

In einer Zeichnung verfolgen wir die Totalität im Bild. Das heißt, wir haben zwar eine visuelle Erscheinung, vielleicht mehrere Elemente, aber sie schließen sich zusammen in eine Totalität des Gefühlseindruckes, in die Gesamtheit des Bildes. Insgesamt ist es die Reduktion, das Weglassen das Mittel, das wir verfolgen. Mit dem kleinstmöglichen Aufwand die größtmögliche Wirkung erzielen. Das ist in der Spirale das Thema.

Ihr setzt euch entspannt hin. Nehmt euch die Zeit, es wirklich in Ruhe anzugehen.

Für die mit Überschwang ein kleiner Zusatzimpuls: Ihr könnt die Spirale als Linie anzeichnen, aber sie dann in der Farbe definieren. Heißt, die gezeichnete Linie freilassen und den Rest in Farbe gestalten. Das ist etwas aufwändig, aber auch sehr schön.

Ich wünsche euch sehr persönliche Spiralen. Sie haben tief mit unserem Leben, mit unserer eigenen Entwicklung, mit unseren Erfahrungen zu tun.

In diesem Sinne wünsche ich euch sehr viel Erfolg!