Herbstanemonen

Wenn ihr selbst wilde Früchte oder wilde Samen beim Spazierengehen durch Wald oder Wiese am Wegrand findet, dann seid ihr eingeladen, eure eigenen individuellen Funde zu bearbeiten. Für diesen Impuls möchte ich die Früchte der Herbstanemone zum Thema machen. Warum habe ich sie ausgewählt? Sie ist optisch sehr reizvoll! Auf den ersten Blick sieht sie fast aus wie eine Baumwollfrucht. Allerdings, dort, wo der braune Teil ist, der vom Stängel herauskommt, ist es markant anders. Dieser Teil ist mit vielen kleinen Samen besetzt. Eine Frucht besteht immer aus Samen und dem Fruchtteil. Diese Samen sind optisch sehr reizvoll, weil sie ganz verdichtet beginnen und dann ausstreuen. Sogar nach einer bestimmten Struktur, die ich ähnlich den Sonnenblumen finde. Wenn wir das Innere der Sonnenblume anschauen, gehen die Sonnenblumenkerne in einer bestimmten Struktur, wie in versetzten Rhomben, vom Zentrum hinaus in die Peripherie. Bei den Herbstanemonen ist das noch viel markanter. Denn die Sonnenblume hat am Ende ja die Blätter und die Punkte werden nicht lose, sondern einfach im Radius größer. Bei den Herbstanemonen ist es allerdings so, dass sich die vereinzelten Pünktchen weit hinausstreuen.

Das ist visuell eine sehr brauchbare Angelegenheit, die wir im Zeichnerischen nicht hoch genug als Inspirationsquelle schätzen können. Dieses Ausstreuen von dicht nach vereinzelt kann man auch so sehen, wie vom Dunkel ins Licht hineingehen. Es ist eine Art der Zeichnung, die aus Punkten besteht. Versucht mit diesem Streuen zu experimentieren.

Wenn ihr genau hinschaut, könnt ihr auch eine Geometrie darin sehen. In der Struktur dieser Streuung kann man sehen, dass es sich wie diese vorhergehende ursprüngliche Blattstruktur im Dreieck hinaus streut. Oder auch linear, wenn es sich diagonal überschneidet, bildet es so gesehen Dreiecke. Damit sind wir wieder bei dem bereits angeschnittenen Thema, uns nach der Geometrie in der Natur umzuschauen. Was bietet sie uns? Die ganze Mathematik, alle Naturwissenschaften, sind aus Naturbeobachtungen entstanden.

Viele für unser Leben wichtige Erkenntnisse kommen aus dem heraus, dass genau geschaut wurde, wie die Natur funktioniert und wie sie aussieht. Genauso ist es mit der Geometrie, die wir hier vorfinden, in dieser Streuung. Wir finden ein geometrisches System vor, sogar ein sehr genaues. Schaut euch das gut an und dann versucht ihr, natürlich mit Gefühl, aus der Intuition heraus diese Streuung zu zeichnen. Hierbei geht es um das genaue Hinschauen und das ganz genaue Nachvollziehen dessen, was ihr gesehen habt, wie in einer Naturstudie.

Der optische Eindruck entwickelt sich von viel nach wenig. Diesen Übergang von sehr dicht über die Auflösung bis hin zu gar nichts zu schaffen, ist schwierig genug. Versucht das einfach einmal. Nachher können vielleicht ein paar Linien hineinkommen, das ist eine individuelle Entscheidung.
Es kann aus einer Doppellinie der Stängel entstehen, die irgendwo im Bild sein kann und die wir notgedrungener Weise damit in Verbindung bringen. Und ihr könnt die Linie des Fruchtstandes, dieser weißen Form, versuchen. Was immer ihr in dieser Herbstanemone seht, ihr probiert es einfach und könnt losgelöst voneinander ganz autonome Teile mit den Punkten von dicht zu auflösend wählen.

Das könnt ihr an mehreren Stellen am Blatt versuchen, und ein paar Linien dazu komponieren, wenn euer Fruchtstand einmal erledigt ist oder ihr glaubt, ihr seid fertig. Es ist auch möglich, diese Linien als geometrische Linien zu ziehen. Wenn ihr aus dem Gefühl heraus diese Entscheidung trefft. Diese Entscheidung von Geometrie ist dann möglich, wenn ihr das Gefühl habt, dass in eurer Komposition aus den sich auflösenden Verdichtungen sehr vitale Formen entstanden sind. Dann könnt ihr dem gerade Linien entgegensetzen, die immer eine Geometrie auszeichnen.

Ihr könnt mit diesen Möglichkeiten spielen. Die Vitalität einer Form braucht immer ein Stück Geometrie. Zum Beispiel könnt ihr ein kleines Fenster fein zeichnen, das so wie aus der Ferne ganz zart durchscheint. Das ist etwas, das ihr in eurem individuellen Zeichenprozess entscheidet.
Geometrie und Vitalität sind Begriffe, die in jeder bildnerischen Arbeit zusammenkommen. Im weiteren Sinn könnte man sagen, das Apollinische, das Strenge, Genaue und das Dionysische, das Wilde, Chaotische, Unkontrollierte. Diese zwei gegensätzlichen Paare in Form von Vitalität und Geometrie als Linien sind sehr spannend. Und sehr gewinnbringend, weil sie das Neue, das Unerwartete in eure Zeichnung bringen.

Probiert das einmal anhand der Herbstanemonen aus. Die Situation mit Geometrie und Vitalität gelingt dann am besten, wenn ihr die Linien, egal ob gerade oder geschwungen, sehr schön und fein moduliert. Sodass sie schwingen, sodass sie im Tonwert schwingen und der Bleistift sehr präzise, sehr fein gespitzt eine schöne klare Linie erzeugt. Dann wird euer Zeichenergebnis ein wunderbares.

Ich wünsche euch gutes Gelingen mit diesem Versuch von Streuung von Dunkel nach Hell, von Verdichtung zu Auflösung, und von diesem Gegenspiel von Geometrie und Vitalität!